Der Weg ist das Ziel

15. Dezember 2015

beim Fußverkehrs-Check in Göppingen
Bildquelle: Andrea Toll

Wie können Fußwege noch attraktiver und sicherer gestaltet und der Fußverkehr insgesamt gefördert werden? Das will die Stadt Göppingen herausfinden und nimmt am Fußverkehrs-Check teil, einem Pilotprojekt des Ministeriums für Verkehr und Infrastruktur Baden-Württemberg.

1500 Meter zu Fuß in zwei Stunden. Das klingt nicht gerade nach einer Rekordzeit. Aber darum geht es bei der ersten Begehung des Fußverkehrs-Check in Göppingen auch nicht. Das Augenmerk liegt vielmehr darauf, einen Überblick zu bekommen, wie der Weg vom Rand bis ins Herz der Innenstadt für Fußgänger beschaffen ist. Welche Stellen sind unübersichtlich oder gar gefährlich? Wie sieht es mit der Barrierefreiheit aus? Welche Lösungsmöglichkeiten gibt es? Um diese Fragen zu diskutieren und Erfahrungen auszutauschen, hat sich eine Gruppe von Vertretern der Stadtverwaltung und Göppinger Bürgern zu einem ersten Rundgang an einem Nachmittag Ende Oktober zusammengefunden. Patrick Hoenninger von der Planersocietät in Dortmund leitet das Projekt und ist heute natürlich mit dabei. Der Verkehrsplaner fasst Anregungen und Hinweise zusammen und erarbeitet daraus Maßnahmenempfehlungen für die Stadt Göppingen, die bei der Abschlussveranstaltung präsentiert werden.

Nun steht aber erst einmal die erste von zwei Begehungen an. Von der Stadthalle gehts Richtung Innenstadt. Schon nach einigen Metern stoppt die Gruppe am Theodor-Heuss-Platz. 18.000 Kraftfahrzeuge pro Tag rauschen hier entlang, die Kreuzung ist unübersichtlich und die Wege für den Fußgänger lang, da er den Bereich mehrfach queren muss. Nicht gerade optimal. Doch wie sich schnell herausstellt, hat die Stadt bereits Überlegungen angestellt, um die Situation für alle Verkehrsteilnehmer zu entschärfen: Ein Kreisverkehr in Verbindung mit einer kompletten Umgestaltung des Platzes könnte die Lösung sein.

Behinderungen für Fußgänger

Ein paar Schritte weiter weist ein Teilnehmer auf  einen schlechten Sichtwinkel für Fußgänger hin, die einen Zebrastreifen überqueren möchten, aber wegen parkender Autos vom Kfz-Verkehr nicht gut gesehen werden können. Hoenninger nickt und notiert auch diesen Punkt. Kurz darauf macht ein mobilitätseingeschränkter Teilnehmer auf Wellen im Asphalt aufmerksam, die durch Wurzelwerk entstehen. „Im Dunkeln kann das für Fußgänger gefährlich sein und für Menschen mit Seh- und Gehbehinderung ist das immer ein Hindernis", stellt Hoenninger fest.

Bei der Station an der Friedrich-Ebert-Straße, wo ein Fußweg zum Alten Friedhof führt, wird beklagt, dass sich Fußgänger hier von Radfahrern belästigt fühlen. Ein Verkehrsschild weist zwar darauf hin, dass der Weg nur von Fußgängern genutzt werden darf. Allerdings steht es so außer Sichtweite, dass man es den Radlern nicht verübeln kann, wenn sie es nicht registrieren. Hier besteht Handlungsbedarf. Wie es scheint, ist es eine Kleinigkeit, die schnell umgesetzt werden könnte: Schild abmontieren, umsetzen, anschrauben, fertig. „Das funktioniert leider nicht so, denn es handelt sich um Verwaltungsakte, die vielleicht noch Gremien passieren müssen, was in den Augen von Bürgern viel Zeit in Anspruch nimmt", klärt Hoenninger auf. Es kann aber auch ganz schnell gehen, wie die Teilnehmer genau an dieser Stelle erfahren. Noch stehen drei Poller vor dem Zebrastreifen, auf dem Fußgänger die Friedrich-Ebert-Straße queren können. „Für Passanten mit Kinderwagen stehen die zu eng", moniert eine Teilnehmerin. Dieses Problem hat die Stadt bereits vorher erkannt und gelöst: Alsbald soll ein Poller entfernt und die beiden anderen mit größerem Abstand aufgestellt werden.

Schon beim nächsten Zebrastreifen kurz vor der Fußgängerzone stellt sich heraus, wie emotional das Thema Fußverkehr sein kann. „Das ist doch Stuss", poltert eine Göppingerin, als sie über die Fahrgeschwindigkeit der Pkw diskutieren und ein Teilnehmer meint, dass die meisten Autofahrer sich an die vorgeschriebenen 30 Stundenkilometer halten würden. Diese Reaktionen sind Hoenninger nicht fremd: „Verkehr emotionalisiert. Nicht nur der Kfz-Verkehr berührt einen wichtigen Lebensbereich, sondern ebenso der Fußverkehr."

Gelungener Umbau

Über die Pfarrstraße geht es weiter bis zum Schlossplatz, der 2015 komplett umgebaut wurde. Vorher war er mit Parkplätzen zugepflastert, heute lädt der barrierefreie Platz zum Verweilen ein. „Ein Vorzeigeplatz", freut sich Werner Hauser, Fachbereichsleiter Tiefbau, Umwelt und Verkehr der Stadtverwaltung Göppingen. Im nächsten Jahr soll die Pfarrstraße fußgängerfreundlich gestaltet werden. Wie wichtig neben der Verkehrssicherheit auch die ansprechende Gestaltung ist, zeigt sich auch in der Hauptstraße, die die Gruppe ebenfalls begeht. Steinquader mit Holzauflage, auf denen man auch Platz nimmt, wenn es nicht mehr so warm ist, und eine angenehme Beleuchtung säumen die Straße. „Diese Elemente tragen dazu bei, dass sich Fußgänger wohlfühlen. Gerade ältere Menschen wissen es zu schätzen, wenn sie die Gelegenheit haben, sich hinzusetzen", weiß Hoenninger.

„In den letzten Jahren hat ein Umdenken in Göppingen stattgefunden. Früher lag der Schwerpunkt allein auf dem Kfz-Verkehr, heute sind alle anderen Verkehrsteilnehmer ebenso wichtig", erklärt Maximilian Kroner, Verkehrsplaner bei der Stadt Göppingen und verantwortlich für den Fußverkehrs-Check. In der Innenstadt wurde deswegen ein durchgängiges, innovatives Verkehrskonzept umgesetzt, durch das ein sogenannter „Shared Space" entstanden ist, in dem Fußgänger, Fahrrad- und Autofahrer gleichberechtigte Verkehrsteilnehmer sind: Hier gelten nur eine Handvoll Regeln, die sich jeder merken kann und die wesentlich davon geprägt sind, dass in dem verkehrsberuhigten Geschäftsbereich um die Fußgängerzone herum jeder gleichermaßen Rücksicht nehmen muss. Zusätzlich sind sämtliche Einbahnstraßen in entgegengesetzter Richtung offen für Fahrradfahrer, was anfangs für Irritation bei den Autofahrern sorgte. Mittlerweile gehört auch das zum gewohnten Verkehrsalltag.

Wie sich am Ende der Tour zeigt, hat Göppingen schon einiges für den Fußverkehr getan und noch vieles vor. Das wird auch bei der zweiten Begehung am nächsten Tag deutlich. Diesmal geht es von Süden her in die Innenstadt bzw. zum Bahnhof und ZOB. Der gesamte Bahnhofsbereich soll zu einer funktional wie gestalterisch anspruchsvollen Mobilitätsdrehscheibe entwickelt werden.

Quelle: textwerkstatt Andrea Toll

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