Klimaschutz braucht neue Mobilitätskultur

12. Januar 2016

Zwei ICE 3 Baureihe 403 als ICE 102 bei Kollmarsreuthe in fruehlingshafter Landschaft
Bildquelle: Deutsche Bahn AG

Das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI hat zusammen mit Projektpartnern aus Politik, Verwaltung, Industrie, Bahnunternehmen und Wissenschaft untersucht, unter welchen Bedingungen sich die Ziele aus dem EU-Weißbuch Verkehr von 2011 noch erreichen lassen. Das Forschungsprojekt LivingRail weist mit der „RAILmap 2050“ Strategien zur Finanzierung und Umsetzung einer neuen Mobilitätskultur aus.

Das EU-Weißbuch Verkehr formulierte 2011 das Ziel, den europäischen Personen- und Güterverkehrs bis 2050 weitestgehend auf die umweltfreundlichen Verkehrsträger Schiene und Wasserstraße zu verlagern. Gleichzeitig sollten die Treibhausgasemissionen des Verkehrs um 60 Prozent gegenüber dem Jahr 2005 sinken. Dem LivingRail-Forschungsteam zufolge weist die aktuelle Marktlage der europäischen Bahnen jedoch nicht in die Richtung der EU-Weißbuch-Ziele. Nach Zahlen des Statistischen Amts der Europäischen Union stagniert der Marktanteil der Bahn im Personenverkehr bei neun Prozent. Im Güterverkehr lag er 2013 bei 17 Prozent, jedoch mit abnehmender Tendenz. Trotz positiver Entwicklungen, die sich nicht zuletzt in der zunehmenden Bedeutung nachhaltiger Lebensstile widerspiegelten, könnten die Bahnunternehmen die gesetzten Ziele nicht allein erreichen. Notwendig sei eine Neuausrichtung der Mobilitätskultur, die eine konsequente Umsetzung lebenswerter Stadt- und Regionalkonzepte beinhalte.

Anhand komplexer Verkehrsmodelle berechnete das Forschungsteam, dass schnellere Bahnstrecken alleine – nur zwei bis fünf Prozentpunkte Marktanteil bringen würden. Seien allerdings die Preise im Vergleich zur Straße günstiger, bringe dies rund zehn Prozentpunkte. Auch die Verbesserung der Reisekette beispielsweise durch den Ausbau des Regional- und Nahverkehrs oder die Integration von Car- und Bikesharing zahle sich aus. Die größten Effekte auf den Marktanteil der Bahnen würden jedoch durch „weiche Maßnahmen“ erzielt: Dazu gehörten vor allem eine strategische Verkehrsraum- und Stadtplanung in enger Kooperation von EU, Mitgliedsstaaten und Kommunen sowie eine konsequente Ausrichtung der Unternehmenspolitik der Bahnen an den Bedürfnissen ihrer Kunden im Personen- und Güterverkehr. Weitere Maßnahmen seien ein schneller und bequemer Zugang zu Bahnhöfen, die Automatisierung in allen Bereichen der Bahn und einfache Buchungsstellen für europäische Gütertransporte. Wie Projektleiter Dr. Claus Doll vom Fraunhofer ISI betont, ließen sich die im EU-Weißbuch gesteckten Ziele „nur im Zusammenspiel zielgerichteter und koordinierter Maßnahmen von Bahnsektor, Politik, Unternehmen und Gesellschaft näherungsweise erreichen.“

Wenn es gelänge, die Verkehrsverlagerungsziele des EU-Weißbuchs umzusetzen, würden 45 Prozent weniger CO2-Ausstoß erreicht. Das Klimaziel des EU-Weißbuchs für den gesamten Verkehr wäre 2050 zu drei Vierteln erfüllt. Das verbleibende Viertel an CO2-Reduktionen wäre durch Verbesserungen und Verkehrsvermeidung im Straßen- und Luftverkehr zu erreichen. Ein zusätzlicher Nutzen der umgesetzten Verkehrsverlagerungsziele wären 80 Prozent weniger Luftschadstoffe sowie 25 Prozent weniger Verkehrstote.

Weitere Informationen sind unter www.livingrail.eu zu finden.

Quelle: Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung IS

Zurück zur Übersicht