Das kann der Bus – Attraktive Busverkehrssysteme

25. Oktober 2016

Das kann der Bus
Bildquelle: WBO

Böblingen/Stuttgart, 19. Oktober 2016: Mit rund 250 Teilnehmern fand der gemeinsame Fachkongress EINBLICKE von WBO und VDV ein überragendes Interesse bei Unternehmern, Vertretern von Land, Kreisen und Kommunen. In Fachbeiträgen und Diskussionen wurde das vielschichtige Thema „Attraktive Bussysteme“ aus unterschiedlichen Richtungen beleuchtet.

„Ich möchte meine Ausführungen mit einem klaren Bekenntnis zum Bus beginnen!“, sagte der Baden-Württembergische Verkehrsminister Winfried Hermann zur Eröffnung des Fachkongresses zu attraktiven Busverkehrssystemen von WBO und VDV im SSB-Waldaupark, Stuttgart vor rund 250 Teilnehmern aus Politik, Kommunen/Landkreisen, Verkehrsunternehmen und Zulieferindustrie.

„Der Bus ist mit Abstand das am häufigsten genutzte Verkehrsmittel im ÖPNV. Er läuft jedoch leider in der Wertschätzung - auch durch die Politik - klar unter Wert. ... Das hat sich durch die Angebote im Fernverkehr zum Glück ein Stück weit verändert. Im Nahverkehr besteht hier jedoch noch ein großer Nachholbedarf. Dazu braucht es gute Anschauungsbeispiele und wegweisende Pilotprojekte. Darüber wollen wir heute reden.“, so Klaus Sedelmeier, WBO-Vorsitzender bei seiner Begrüßung.

Attraktivität des Verkehrssystems Bus fördern
„Das kann der Bus – Attraktive Busverkehrssysteme“ – mehr als nur ein abstrakter Begriff für modernen ÖPNV. Zunächst fragte Mark Hogenmüller vom Reutlinger Stadtverkehr: „Was macht den ÖPNV für ‚Otto-Normalverbraucher‘ attraktiv?“ und beantwortete die Frage aus mehreren Perspektiven. Ein attraktives Verkehrssystem beruht auf mehreren Komponenten, die unterschiedliche Bedürfnisse befriedigen. Fahrtkosten sind ein Aspekt. Ein weiterer ist die Verfügbarkeit, diese gliedert sich einerseits in hohe Taktfrequenz, also kurze Wartezeiten und andererseits in Anschlusssicherheit auch und gerade in ländlichen Gebieten. Ein ganz anderer Aspekt ist die technische Ausstattung. Diese reicht von sauberen und bequemen Sitzen, Fahrgastinformation in Echtzeit im Bus bis hin zu freiem W-LAN für Fahrgäste. Um ein Busverkehrssystem attraktiv zu einzurichten, reicht es aber nicht aus, die Fahrzeuge attraktiv zu gestalten, es fängt schon an den Warte- und Haltestellen an: Barrierefreiheit, Fahrgastinformation in Echtzeit, Infrastruktur bezüglich Toiletten, Mülleimer, Versorgung mit Getränken / Proviant, Schließfächer für Gepäck und was der Dinge mehr sind, die nötigenfalls das Warten verkürzen.

BRT – Bus Rapid Transport, Beispiele für Stuttgart, Ludwigsburg, Ulm/Neu-Ulm
Thomas Tonger von Daimler Buses führte drei verschiedene Beipiele für mögliche BRT-Systeme vor, mit denen der Bus gegenüber dem Individualverkehr beschleunigt werden könnte. Tangential, sozusagen die Speichen des Rades verbindend, für Stuttgart, suburban, innerhalb der Vororte, für Ludwigsburg und Radial, von außen auf das Zentrum gerichtet, für Ulm/Neu-Ulm. Je nach Gegebenheiten könnten diese Systeme angepasst und optimiert werden. Allen gleich sind die Bedingungen separate Trassenführung, Ampelbevorrechtigung, Vorab-Ticketing, beschleunigte Ein-/Ausstiege und einheitliche Fahrzeuge. Diese machen den BusRapidTransport zum Bindeglied zwischen Stadtbus und schienengebundenen Systemen. Mit einer der größten Vorteile der BRT-Systeme sind die, im Vergleich zu Schienenlösungen, außerordentlich schnelle Umsetzungsmöglichkeit sowie der enorme Kostenvorteil in Planung, Einrichtung und Unterhalt.

Bussystem im Mobilitätssystem: Osnabrück
In aller Munde, doch mit nur wenig Erfahrungswerten: autonomes Fahren und E-Busse multimodal verknüpft – Werner Linnenbrink von den Stadtwerken Osnabrück erklärte, das Mobilitätssystem der Zukunft muss ein System im System sein. Osnabrück blickt hier weit in die Zukunft: Neben rein elektrischen Bussen gehört hier Car-Sharing mit freier Abstellung der Fahrzeuge ebenso dazu wie autonomes Fahren der Beförderungseinheiten in der Fläche. Verbunden über eine einfach zu bedienende App wird der ÖPNV „permanent“, die Betriebsruhe entfällt. Die Mobilitätsunternehmen werden vom Zuschauer zum Mitspieler, erforderlich sind intelligente Systemlösungen.

Schnellere Takte, kleinere Fahrzeuge, Anschlusssicherheit: Beispiel Bad Belzig
Hans-Jürgen Hennig von der Verkehrsgesellschaft Belzig, Brandenburg, sprach über „Hochwertige Bussysteme im ländlichen Raum“. Der dortige „PlusBus“ spricht mit klaren Taktzeiten, neuen Fahrzeugen, W-LAN und USB-Ladesteckdosen das moderne ÖPNV-Publikum an. Schnellere Taktzeiten zu klaren Uhrzeiten (ohne den Schülerverkehr zu benachteiligen) mit Anschlusssicherheit zum und vom Regionalexpress machen den ÖPNV attraktiv: In nur drei Jahren stiegen die Fahrgastzahlen um 40%, insbesondere auch an Tagesrandlagen. Das Konzept ist angebotsorientiert, entspricht den Kundenwünschen, Qualität und Quantität stimmen und erreichen so Spitzenwerte in der Kundenzufriedenheit.

„Nachdem alle ausgestiegen waren, haben wir es trotzdem gemacht!“ – E-Busse auf der Landesgartenschau in Öhringen
Die Privatunternehmen Eisemann und Hütter-Lidle hatten ein Ziel: einen Shuttleservice zur Landesgartenschau 2016 in Öhringen. Nach intensiver Planungs- und Ausschreibungsphase stieg zunächst ein Bushersteller aus dem Projekt aus, dann der Energieversorger. In kürzester Zeit gelang es, einen anderen Fahrzeughersteller zu gewinnen, sozusagen auf der Zielgeraden konnte ein Partner für die Stromversorgung und Ladung der Fahrzeuge gefunden werden. Nur ein halbes Jahr später waren die Fahrzeuge im Einsatz. „Man muss es einfach machen!“, resümierte Roland Braun vom Nahverkehr Hohenlohekreis. Auch die Reichweite der E-Busse war kein Problem: Allein schon durch die niedrige Durchschnittsgeschwindigkeit innerorts kämen die Fahrzeuge nicht über 200 Kilometer pro Tag hinaus.

Lückenschlüsse zwischen regionalen Zentren: Regionalbuslinien
Klaus Sedelmeier, Rast Reisen, war einer der ersten, die die neu geschaffene Fördermöglichkeit von Regionalbuslinien in Baden-Württemberg nutzten. Die Linie Breisach – Bad Krotzingen befährt er und sein Kollege Jürgen Karle vom Tuniberg Express. Mit großem Erfolg: Die schnellen Verbindungen mit wenigen Zwischenhalten bietet den Fahrgästen eine wertvolle Alternative zur Schiene, die diese Fahrtstrecke nur mit Umweg und Umsteigen anbieten kann. Auch die Anbindung an ein Schulzentrum brachte sowohl den Schülern Zeitgewinn, als auch umgekehrt der Linie Fahrgäste. Doch auch die Stadtverwaltungen reagierten allesamt positiv. Sedelmeier riet daher allen Unternehmern in Gebieten mit entsprechend fehlender Infrastruktur, die Gegebenheiten zu prüfen und mit Hilfe von Fördermitteln attraktive Regionalbuslinien einzurichten. Dazu riet auch Gerd Hickmann vom Verkehrsministerium Baden-Württemberg: „Die Landesförderung soll ausgeweitet werden!“

Anrufbus: Stichfahrten, Abweichungen und Verlängerungen – Kein Problem!
Frank Wiest von HVB Wiest & Schürmann, referierte ein neu geschaffenes System des Anrufbusses, bei dem die Fahrgäste Sonderwünsche wie Stichfahrten zu Sonderzielen, Routenabweichungen oder auch die Verlängerung der eigentlichen Linie bis zu ihrem Fahrtziel anmelden können. Möglich wird dies durch die elektronische Zusammenführung der Fahrtwünsche (mindestens 30 Minuten vor Fahrtbeginn) und die direkte Übertragung der Fahrtroute auf das Tablet des Fahrers, der nach Bedarf das entsprechend notwendige Fahrzeug steuert. Dadurch können mehrere Fahrtwünsche zu linienunabhängigen Routen zusammengeführt werden. Das Ergebnis ist eine äußerst effiziente Fahrgastbeförderung nach Wunsch.

Quelle: WBO, Verband Baden-Württembergischer Omnibusunternehmer e.V.

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