„Flexible Nahverkehrsangebote sind ein wichtiges Thema“

22. November 2016

Mobile Cab Call-a-bus
Im Zuge des Reallabors Schorndorf soll ein bedarfsorientiertes Buskonzept entwickelt werden, das ohne feste Haltestellen auskommt. Bildquelle: DLR

Ob Rufbus, Anrufsammeltaxi oder Mitfahrgemeinschaften für Bus- und Bahnkunden: Flexible Angebote im Öffentlichen Verkehr (ÖV) sind gerade in den ländlichen Regionen Baden-Württembergs auf dem Vormarsch und sollen dort ein verlässliches Grundangebot sichern. Wie das auf Dauer funktionieren kann, diskutierten jetzt 40 Experten aus Landkreisen, Verkehrsverbünden und Unternehmen bei einem Fachforum in Geislingen/Steige. Dr. Martin Schiefelbusch vom Kompetenzzentrum „Innovative Angebotsformen im ÖPNV“ der NVBW resümiert die Diskussionsergebnisse.

Die Landesregierung hat sich im jüngsten Koalitionsvertrag unter anderem zum Ziel gesetzt, bis 2025 ein „landesweites, bedarfsangepasstes und verlässliches Grundangebot von frühmorgens bis spätabends im Stundentakt“ zu schaffen. Welche Bedeutung haben dabei die flexiblen Nahverkehrsangebote?
Eine ganz wesentliche. Wenn der Öffentliche Verkehr auch in den ländlich geprägten Regionen unseres Landes eine vollwertige Alternative zum privaten Pkw sein soll und alle Bevölkerungsgruppen daran teilhaben, dann erfordert das in weiten Teilen einen deutlichen Ausbau der Verkehrsleistungen. Das ist nur mit flexiblen Bedienformen möglich. 

Wie stellen sich die flexiblen Bedienformen landesweit dar?
Die Bestandsaufnahme auf unserem Fachforum hat sehr deutlich gezeigt, dass flexible ÖV-Angebote inzwischen in den meisten Landesteilen zu finden sind. Und sie sind für die meisten Akteure ein wichtiges Thema. Insgesamt aber sind diese flexiblen ÖV-Angebote in ihrem Umfang und ihrer Ausgestaltung landesweit sehr unterschiedlich. Es dominiert eine kleinteilige Struktur, bei der ein Großteil der praktischen Aufgaben dezentral durch die mit der Verkehrsdurchführung beauftragten Unternehmen erledigt wird. Auch in der Angebotsgestaltung und Kundenkommunikation werden sehr unterschiedliche Wege verfolgt. Die Chancen von Standardisierung, zentraler Steuerung und digitaler Technologien werden bisher nur selten genutzt. Die flexiblen Angebote bleiben also in vielen Fällen noch unter ihren Möglichkeiten. Hier müssen wir neue Wege gehen. Auf dem Forum haben wir deshalb auch aktuelle Forschungsprojekte und neue Planungstools vorgestellt.

Was genau wird in den Forschungsprojekten untersucht?

Kleinteilige Mobilitätsdienste in mehr oder weniger flexibler Form werden nicht nur im ÖPNV nachgefragt, sondern auch im Sozial- und Gesundheitsbereich. Die Möglichkeiten zur Kooperation zwischen den verschiedenen (oft öffentlich getragenen) Anbietern und Angeboten sind noch kaum untersucht. Dieser Ansatz erfordert allerdings sowohl eine bessere Kenntnis der Kundenerwartungen als auch Lösungen für die übergreifende Planung, Disposition und Finanzierung. Die vor kurzem begonnenen Modellvorhaben des Landes in den Kreisen Calw und Göppingen sollen hier neue Erkenntnisse bringen. Exemplarisch wird demonstriert, wie ein flächendeckender Stundentakt auch mit Rufbussen umgesetzt werden kann. Zudem sollen alle vorhandenen flexiblen ÖV-Angebote und idealerweise auch die sozialen Fahrdienste in den ÖPNV-Taktfahrplan integriert werden. Interessant ist auch das Reallabor Schorndorf, ein Rufbus-System auf zunächst drei ausgewählten innerstädtischen Linien, das kurzfristig erreichbar und flexibel disponierbar ist. Der Bus soll genau dann an den gewünschten Abholungsort kommen, wenn man ihn braucht.

Wie können bestehende flexible Angebote verbessert werden?

Auf dem Fachforum hielten fast alle Teilnehmer eine technische Modernisierung der Buchungsverfahren und Disposition für zwingend erforderlich. Die Möglichkeiten zur vollständigen Integration flexibler Verkehre in die elektronische Fahrplanauskunft müssen ebenso zum Standard gehören wie eine Online-Buchungsmöglichkeit. Nötig ist aber auch die Klärung alter und neuer Grauzonen im Genehmigungs- und Vergaberecht.

Außerdem reicht es längst nicht mehr überall aus, sich für die Verkehrsdurchführung allein auf das Taxi- und Mietwagengewerbe zu stützen. Vertragsformen müssen weiterentwickelt werden und zum einen hinreichend attraktiv für die Unternehmen sein, zum anderen geeignete Anreize für Qualität bieten. Im Zuge der Mindestlohn-Einführung ist auch der Kostenvorteil von Taxi- und Mietwagenunternehmen gesunken.

Die Planung, Steuerung und Finanzierung des ÖPNV auf der Straße ist in Baden-Württemberg wie in den anderen Flächenländern eine kommunale Aufgabe. Auf welche Unterstützung können die Kommunen beim Ausbau der flexiblen Bedienformen setzen?
Bei der Veranstaltung wurde eine Reihe von Themen identifiziert, bei denen das Land eine koordinierende und beratende Funktion übernehmen sollte. Dazu gehören Leitlinien für die Harmonisierung der Angebote, die Verbesserung der formalen Randbedingungen und Unterstützung bei der technischen Modernisierung.

Die NVBW fördert innovative Angebotsformen im ÖPNV mit einem eigenen Kompetenzcenter. Auf welche Leistungen können die Kommunen hier zurückgreifen?
Unser Kompetenzzentrum bietet Information, Beratung und Austausch für alle Akteure, die zukunftsorientierte Mobilitätskonzepte und marktfähige ÖPNV-Dienstleistungen in Baden-Württemberg realisieren möchten. Wir informieren über gesetzliche Rahmenbedingungen und bestehende Vergleichsprojekte, um so den Planungs- und Arbeitsaufwand vor Ort zu begrenzen.

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