Mehr Berufsverkehr auf der Schiene

10. Februar 2016

Baden-Württemberg wird mehr und mehr zu einem Land der Bahnfahrerinnen und Bahnfahrer. Im Nahverkehr auf der Schiene steigen die landesweiten Fahrgastzahlen langsam aber kontinuierlich weiter an. Einbrüche meldet allerdings der Busverkehr in den ländlichen Regionen infolge des demografischen Wandels und sinkender Schülerzahlen. Mit diesen Entwicklungen liegt Baden-Württemberg ganz im Bundestrend. Neue Trends setzen dagegen die alternativen Bedienkonzepte für den ländlichen Raum, die Baden-Württemberg erfolgreich erprobt und umsetzt.

Im Jahr 2015 sind die Menschen in Deutschland öfter als je zuvor mit Bussen und Bahnen gefahren. Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) weist in seiner aktuellen Jahresbilanz erstmals mehr als zehn Milliarden Fahrten im bundesweiten ÖPNV aus. Damit stiegen die Fahrgastzahlen zum 18. Mal in Folge im Vergleich zum Vorjahr um 0,5 Prozent. Trotz des Lokführerstreiks im Frühjahr, sinkender Benzinpreise und eines vergleichsweise warmen Winters haben sich viele Menschen bewusst für die Mobilität im Umweltverbund entschieden. Das gilt insbesondere für die Einwohner von Großstädten und Ballungsräumen.

Fahrgastrekord im VVS

Diesen Trend bestätigen auch die ersten Bilanzen aus den Verkehrsverbünden Baden-Württembergs. So meldete der Verkehrs- und Tarifverbund Stuttgart (VVS) bereits im November 2015 Rekordzahlen. Rund 264 Millionen Fahrten und damit einen Anstieg um 9 Millionen beziehungsweise um 3,4 Prozent verzeichnete der VVS allein für die Monate Januar bis September 2015. Die Gesamtjahresauswertung zur Bilanzpressekonferenz Mitte Februar 2016 werde ebenso positiv ausfallen, erwartet VVS-Pressesprecherin Pia Karge. Vor allem die Zahl der Stammkunden nimmt in der Region Stuttgart stetig zu. Das sind zumeist Senioren und Berufspendler. Bei den Senioren verbuchte der VVS bis zum dritten Quartal 2015 ein Plus von 3,5 Prozent, im Berufsverkehr ist die Zahl der Fahrten um 9,7 Prozent angestiegen.

Zuwächse im Berufsverkehr

Eine positive Entwicklung verzeichnet auch die Freiburger Verkehrs AG, die in den ersten zehn Monaten des Jahres 2015 exakt 63,67 Millionen Fahrten zählte – ein Plus von genau 2 Prozent gegenüber dem Vorjahr, als die Fahrgastzahlen aufgrund einer Innenstadt-Baustelle, die alle Stadtbahnlinien betraf, kurzfristig zurück gingen.

Der Verkehrsverbund Neckar-Alb-Donau (naldo) mit den Landkreisen Reutlingen, Tübingen, Sigmaringen und dem Zollernalbkreis verzeichnet ebenfalls einen starken Zuwachs im Berufsverkehr. Die Anzahl der Job-Tickets hat sich von 2012 auf 2014 verdoppelt. Seit der Verbundgründung im Jahr 2002 sind die Fahrgastzahlen insgesamt um 40 Prozent auf zuletzt 75 Millionen im Jahr 2014 gestiegen. Auch wenn die letzten Zuwachsraten wegen starker Schülerrückgänge nur noch bei 0,1 Prozent lagen, ist die Nachfrage im Berufsverkehr weiterhin hoch. So nutzen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen von über 40 Firmen und Behörden im naldo ein Jobticket. Ein Trend, der sich 2015 fortgesetzt hat.

Das neue JobTicket Baden-Württemberg wird die Nachfrage im Berufsverkehr sicher noch einmal ankurbeln. Im Januar 2016 fuhren bereits 8.200 Landesbedienstete, die im VVS-Gebiet arbeiten, mit einem FirmenTicket des VVS. Das ist im Vergleich zum Dezember 2015 ein Anstieg von knapp 18 Prozent, der maßgeblich auf das JobTicket BW zurückzuführen ist. Der Verbund rechnet mit weiteren Zuwachszahlen. Das gilt auch für den Karlsruher Verkehrsverbund KVV, wo innerhalb eines Monats 1.760 Landesbeschäftigte ein Abonnement für das neue JobTicket Baden-Württemberg abgeschlossen haben, 700 davon sind zugleich neue KVV-Kunden. KVV-Geschäftsführer Dr. Alexander Pischon zeigt sich äußerst zufrieden über die erste Monatsbilanz und ist überzeugt, „dass wir noch Steigerungspotenzial haben“. Eine Einschätzung, die auch naldo-Geschäftsführer Dieter Pfeffer teilt: „Zum Start sind wir sehr zufrieden, sehen aber durchaus noch Steigerungsmöglichkeiten. 765 Landesbeschäftigte im naldo nutzen seit Januar 2016 das neue JobTicket Baden-Württemberg, 316 davon sind neue naldo-Kunden.

Rückgänge im Schülerverkehr

Die insgesamt positive Entwicklung darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass abseits der dicht besiedelten Räume zahlreiche Busunternehmen vor großen Herausforderungen stehen. Der demografische Wandel und die rückläufigen Schülerzahlen gehen dort mit sinkenden Fahrgastzahlen einher. Dies konnte der wachsende Berufsverkehr bislang noch gut auffangen – so beispielsweise im naldo oder im Bodensee-Oberschwaben Verkehrsverbund (bodo). Nach kontinuierlichen Steigerungen bis zum Jahr 2013 musste der bodo 2014 erstmals rückläufige Fahrgastzahlen melden. Mit knapp 33,3 Millionen Fahrgästen wies der Verbund sein erstes Minus mit 2,1 Prozent aus. Ursache dafür waren klar erkennbar der demografische Wandel und die ersten Einbrüche im Schüler-Bus-Verkehr.

Ähnlich bewertet der Donau-Iller-Nahverkehrsverbund (DING) die Entwicklung der Fahrgastzahlen. Sinkende Schülerzahlen und die ländliche Struktur, die das DING-Gebiet in weiten Teilen prägt, bedingen ein leichtes Minus, das 2015 voraussichtlich zwischen 0,5 und 0,7 Prozent liegen wird. Selbst im Karlsruher Verkehrsverbund KVV lässt sich zwischen 2014 und 2015 ein Rückgang der Fahrgastzahlen um 0,5 Prozent feststellen. Hier wurden im vergangenen Jahr 173,1 Millionen Fahrten gezählt.

Mehr Tarifangebote für Stammkunden

Die Verkehrsunternehmen und -verbünde in Baden-Württemberg reagieren auf die neuen Trends und entwickeln die Tarifangebote für Stammkunden weiter. Dazu gehören nicht nur Firmen- oder Jobtickets, sondern beispielsweise auch Abonnements für junge Erwachsene oder Senioren. Der bodo schafft überdies Premium-Abos, die etwa am Wochenende netzweite Fahrten oder 1. Klasse-Fahrten in der Bahn ermöglichen.

Innovative Bedienkonzepte im Ländlichen Raum

Gleichzeitig setzen sich in ländlichen Gebieten zunehmend alternative und innovative Bedienkonzepte durch. Bürgerbusse, Rufbusse, Bürgerrufautos oder die Kooperation mit neuen Anbietern wie privaten Mitfahrgelegenheiten sollen das zurückgehende Angebot im Schüler- und Linienverkehr auffangen und ein ebenso wirtschaftliches wie attraktives Nahverkehrsangebot aufrechterhalten. Mit dem Kompetenzzentrum „Innovative Angebotsformen im ÖPNV“ gibt die NVBW – Nahverkehrsgesellschaft Baden-Württemberg die dafür notwendigen Impulse und unterstützt die Akteure in Baden-Württemberg bei der Entwicklung und Umsetzung moderner Mobilitätskonzepte.